Freitag, 09. November 2012

Pferde haben ein gutes Gedächtnis!

Man ist ein Jahr im Ausland gewesen und will nun schnellstens sein Pferd wieder sehen. Aber wird es sich an einen erinnern? – Es wird. Denn Pferde haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis und erkennen Menschen  wie Artgenossen nicht nur an ihrem Aussehen, sondern auch an ihrer Stimme und am Geruch wieder. 

In einer wissenschaftlichen Studie haben Jessica Frances Lampe, Veterinärmedizinerin von der schottischen University of Edinburgh und der Psychologe Jeffrey Andre von der James Madison University in Harrisonburg (Virginia, USA) festgestellt, dass Pferde unterschiedliche Sinneseindrücke miteinander kombinieren und ein fehlendes Signal durch ein anderes ersetzen können. Das nennt sich „cross modales“ Erinnerungsvermögen und bedeutet, dass Pferde Menschen sowohl nur an der Stimme, aber auch an der Stimme UND am Aussehen erkennen können.

Die Tiere in der Studie reagierten nämlich irritiert, wenn z. B. eine ihnen bekannte Person mit einer unbekannten Stimme vom Tonband kombiniert wurde. „Hallo, das ist ja mein Mensch“, werden sich die Pferde dabei gedacht haben, „wieso klingt der plötzlich fremd? Aber mein Mensch ist das trotzdem, nur nicht seine Stimme…“
Das Gehirn eines Pferdes kann also die Signale verschiedener Sinnesorgane – etwa des Gehörs, der Augen oder des Geruchssinns – miteinander verknüpfen und ein fehlendes Signal durch andere ersetzen bzw. kompensieren. Das ist eine Fähigkeit, über die neben dem Menschen nicht viele Tiere verfügen.

Ohne ein gutes Gedächtnis könnten Pferde ja auch nicht ausgebildet werden, denn zum Lernen muss man sich erinnern können. Und Pferde haben eine ausgeprägt gute, allgemeine Gedächtnisleistung. Sie können einmal erlerntes Verhalten oft auch nach Monaten oder Jahren fehlerfrei abrufen und behalten auch komplexe Lösungsstrategien für Probleme mehr als zehn Jahre lang in Erinnerung.

Tatsache ist, dass Pferde sich lange Zeit an Bilder aus der Vergangenheit und die damit empfundenen Emotionen erinnern können. Sie entwickeln Angst und Abwehr, wenn sie einen Menschen als unberechenbar und ungerecht kennenlernen. Als Reiter sollten wir also darauf achten, dass das Pferd ein positives Bild von uns bekommt. Dazu gehören ein gut aufliegender Sattel, eine Satteldecke, die keine Falten wirft, eine saubere und nicht zu enge Trense, ein möglichst angenehmer Reitersitz und eine möglichst weiche Zügelhand. Denn verzeihen können Pferde einen Fehler wohl — vergessen dagegen (fast) nie. 

Aber: Sind alle Pferde gleich clever? Die Verhaltensforscherin Susanne Shultz von der Universität Oxford analysierte kürzlich gemeinsam mit dem Psychologen Robin Dunbar die Hirnentwicklung von Säugetieren über die vergangenen 60 Millionen Jahre. Dabei stellte sie fest, dass die Gehirne jener Tiere stark wuchsen, die in stabilen sozialen Verbänden leben. Das gilt für Pferde ebenso wie für Affen, Delfine, Kamele und Hunde. „Soziale Säugetiere müssen sich in der Gruppe koordinieren, kooperieren. Um Normen zu entwickeln“, sagt Shultz. „ braucht es mehr geistige Kapazität.“ Und natürlich gibt es auch bei Pferden – wie bei allen Menschen und Tieren – intelligentere und solche, die sich ein bisschen schwerer tun…