Mittwoch, 29. August 2012

Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp!

Ab welchem Alter dürfen Kinder reiten lernen?

Sollen Fünfjährige schon reiten? Können Sie das überhaupt? Stärkt das die Rückenmuskulatur oder leidet die kindliche Wirbelsäule darunter? Und wie wäre der optimale Umgang von so kleinen Kindern mit dem Pferd zu gestalten?

Dass man (kleine) Kinder nicht zum Reiten zwingt, ist klar – aber was tun, wenn die Schwester mit in den Reitstall will. Und dann natürlich auch aufs Pferd hinauf! Der allgemeine Tenor unter Orthopäden und „Hippophilen“ lautet: Bei einem wirbelsäulengesunden Kind ist Reiten grundsätzlich kein Problem, im Gegenteil: Die trainierte Muskulatur übernimmt zusätzliche Stützfunktion, oft werden Rückenschmerzen durch das Reiten sogar besser – aber bei Problemen muss man natürlich unbedingt zuerst mit dem Arzt sprechen!

Es kann also losgehen! – In manchen qualifizierten Reitställen stehen eigene Trainer bereit, um gerade auch die kleineren Kinder behutsam an das Pferd heran zu führen, oft stehen Shetlandponys als tierische Lehrmeister zur Seite. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder startet man die Reitkarriere des Kindes mit Voltigieren (das ist vor allem bei sehr kleinen Kindern sinnvoll). Oder die Kids beginnen damit, zu zweit ein Sheti  am Zaumzeug herum zu führen, es zu striegeln, die Hufe auszukratzen und Futter zu geben… Bis es schließlich den ersten Trab zum Mitlaufen gibt, dann das erste Aufsitzen: mit Zaumzeug und erwachsener Begleitung, aber ohne Sattel und Steigbügel… Das macht Spaß, da leuchten die Augen, da kommt Stolz auf! Glückstrahlend wird die völlig neue Perspektive in luftiger Höhe auf dem warmen Pferderücken mit dem kuscheligen Fell genossen. Dass die Reitkleidung perfekt sitzt, Helm/Kappe exzellent ist und gerade Kinder auch einen Rückenprotektor tragen sollen, versteht sich von selbst (abgeworfen zu werden, ist ein niemals auszuschließendes Risiko!).

Dabei lernen die Kinder schnell, dass nicht alle Pferde alles mitmachen bzw. mit sich machen lassen wollen – und dass es notwendig ist, sich durchzusetzen (Ponys sind zwar klein, aber kräftig und haben es manchmal faustdick hinter den Ohren!). Dieses „Durchsetzen“ macht reif und stärkt den Charakter.
Mit Reiten hat das aber noch nichts zu tun, richtiges Reiten unter acht Jahren ist – außer in begabten Ausnahmefällen – Illusion. Vorher sind weder die Koordinationsfähigkeit noch die Kraft in den Beinen genügend ausgebildet, außerdem können zu kleine Kinder die Anweisungen eines Reitlehrers noch nicht verstehen (wie erklärt man z. B. allein eine „lockere Hüfte“?). Und: Für große Pferde muss man auch eine gewisse Körpergröße haben, sonst ist das Kind schnell überfordert.

Apropos hopp, hopp, hopp – Galopp! Über Stock und über Steine zu springen, geht erst, wenn das Kind sicher im Sattel sitzt und die Wirbelsäule gefestigt ist. Der Druck, der beim Aussitzen entsteht, ist schließlich ein mehrfacher des Körpergewichts. Sind allerdings genügend Stunden mit kurzen und längeren Reprisen im Trab und Galopp an der Longe und einige Stunden in der Reithalle absolviert, steht auch das Gelände offen. So werden Koordination, Ausdauer, Kraft und im Fortgeschrittenenstadium auch die Reflexe und das Gleichgewicht trainiert. Und zwar in einer Vielseitigkeit, wie es nur wenige Sportarten vermögen. Es hat schon einen Grund, dass bereits Hippokrates seinen Zeitgenossen in der Antike dazu riet, sich durch Gehen, Gymnastik und Reiten körperlich zu ertüchtigen! – Ganz zu schweigen, von der Wirkung auf die Psyche, die so ein Ausritt in die Natur mit sich bringt…